Freitag, 11. November 2011

Mißverständnis: Korruption

Über Korruption in Griechenland wird in Deutschland leidenschaftlich gewettert, und grade gabs zum selben Problem in Indien eine Diskussion der BBC. Indien gerät auch zunehmend in den Focus deutscher Wirtschafts- und anderer Interessen, und gerade lese ich ein Büchlein mit dem Titel: Mehr Indien, weniger China. Weil Indien eine Demokratie ist, China nicht. Das Problem Korruption in Indien scheint für den Autor Urs Schoettli hingegen kein Thema zu sein.
Eine Backschisch-Kultur wird von Betroffenen oft ja gar nicht als kriminell, sondern als völlig normal angesehen. Wie aber kann es sein, dass der ehemalige Nazi-Verbrecherstaat Deutschland scheinbar so sauber glänzend dasteht? Vielleicht weil wir Korruption so definiert haben, dass nur die anderern darunter fallen, wir hingegen als Ausbund von Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Transparenz erscheinen. Wir haben Korruption definiert als einen Konflikt zwischen Eigeninteressen und staatlichen Interessen, zwischen Eigennutz und Gemeinnutz. Also wer sich unter der Hand Vorteile sichert und dann Entscheidungen im Sinne des Vorteilsgebers trifft, gilt als korrupt. Eigentlich steckt da schon die richtige Definition von korrupt drin, sie wird jedoch meist ausgeblendet. Wenn man Korruption versteht als jeden Verrat an den professionellen Leitprinzipien der jeweiligen beruflichen Tätigkeiten und Ämter, und als Privatmensch an den humanistischen Prinzipien, und sei es auch zum vermeintlichen Wohle des Staates, dann ist auch Deutschland ein durch und durch korrupter Staat - womit geschichtliche Kontinuität gewahrt wäre. Nur bei uns fällt das nicht auf, weil die deutsche Korruption dem Staat dient, die griechische hingegen diversen Einzelinteressen. Aber ist deswegen die deutsche Korruption besser als die griechische? Wer jetzt denkt, wie kann etwas korrupt sein, das dem Staat dient, beweist damit, dass er die eigene Korruption als völlig normal erlebt.
Etwa wenn etwa Ärzte stigmatisierte Personen oder Verbrecher medizinisch absichtlich schlecht behandeln, damit die früher sterben, dann handeln diese Ärzte zwar scheinbar zum staatlichen Wohle, indem sie der Staatskasse Gefängniskosten und menschliche Problemfälle ersparen, dennoch verraten sie damit die Prinzipien ihres Berufes. Damit sind es korrupte Ärzte. Oder wenn Hoteliers Gäste an Polizei und V-Leute verraten, handeln sie nach gängiger Auffassung vielleicht als scheinbar gute Staatsbürger, tatsächlich jedoch als schlechte Gastgeber, sind also eigentlich korrupt. Diese Korruption ist uns nicht also solche bewust, weil wir bei dem Thema fälchlich in Geld- oder Ego-Kategorien denken.
Überhaupt, wenn Dinge nicht so laufen können, wie sie eigentlich laufen sollten, sondern wenn die Geheimdienste überall ihre Finger drin haben und die Geschicke lenken, indem Journalisten, Künstler, Ärzte, Polizisten, Juristen gebrieft und gelenkt werden, angeblich zum Staatswohle, dann sind wir eine durch und durch korrupte Gesellschaft, weil keiner mehr das tut, was er für seine Bezahlung im Sinne seiner Profession eigentlich tun müsste. Nur wir merkens nicht mehr, weil wir es nicht anders kennen. Im obigen Sinne war demnach Nazi-Deutschland eine bis auf die Knochen korrupte Gesellschaft, weil zwar alle angeblich zum staatlichen Wohle des Deutschen Volkes bzw Reiches handelten, aber die gesamte Bevölkerung sämtliche Menschlichkeits-Prinzipien verraten hat - beruflich und als Privatpersonen.